Der fliegende Holländer – Tiroler Festspiele Erl – 26.07.2026

Besprechung von Markus Guggenberger

Der fliegende Holländer

Romantische Oper in drei Aufzügen

Musik und Libretto von Richard Wagner |

Musikalische Leitung: Asher Fisch |
Inszenierung: Josef E. Köpplinger |
Bühne: Rainer Sinell |
Kostüme: Birte Wallbaum |
Video: Meike Ebert | Raphael Kurig | Christian Gasteiger |
Dramaturgie: Karin Bohnert |
Einstudierung des Chores: Olga Yanum |

Daland: Gábor Bretz |
Senta: Nina Bezu |
Erik: Jamez McCorkle |
Mary: Shannon Keegan |
Steuermann: Matthew Newlin |
Holländer: Christopher Maltman |

Richard Wagners Oper „Der fliegende Holländer“ ist ein Werk des Übergangs – und zugleich ein Werk, in dem sich bereits jene elementare musikalische und dramatische Sprache ankündigt, die Wagner später zum Begründer eines neuen Musiktheaters werden ließ. 1843 in Dresden uraufgeführt, steht die Oper noch mit einem Bein in der Tradition der deutschen romantischen Oper, weist mit ihrer konsequenten Verbindung von Orchester, Leitmotivik und psychologischer Figurenzeichnung jedoch bereits weit über diese hinaus. Wagner selbst bezeichnete den „Holländer“ später als Beginn jener Entwicklung, die ihn zu seinen Musikdramen führen sollte. In Erl war am 26. Juli 2026 im Rahmen der Sommerfestspiele eine Aufführung zu erleben, die gerade diese Zwischenstellung des Werkes mit großer Klarheit und musikalischer Überzeugungskraft erfahrbar machte.

Die Tiroler Festspiele Erl setzten dabei nicht auf spektakuläre Überwältigung, sondern auf Konzentration. Die Inszenierung von Josef E. Köpplinger, dem Intendanten des Münchner Gärtnerplatztheaters, war gefällig reduziert, doch gerade diese Reduktion erwies sich als eine ihrer größten Stärken. Sie wirkte weder abstrakt noch künstlich stilisiert, sondern vielmehr unmittelbar, authentisch und dem Kern des Werkes verpflichtet. Wo Wagner mitunter dazu verleitet, seine romantischen Bildwelten mit möglichst viel äußerem Aufwand auszudeuten, vertraute die Erlauer Produktion auf die Kraft der Figuren und der Musik. Das erwies sich als wohltuend und schuf einen Freiraum, in dem sich das eigentliche Drama entfalten konnte: die Begegnung zweier Menschen, die von Sehnsucht, Bindung und Erlösung träumen und dabei in einer Welt gefangen sind, deren Gesetzmäßigkeiten größer erscheinen als sie selbst.

Denn gerade der „Holländer“ ist bei Wagner weit mehr als eine romantische Schauerfigur. Hinter dem dämonischen Seefahrer verbirgt sich ein Mensch, der von seiner Existenz zutiefst erschöpft ist. Sein Fluch ist nicht allein Strafe, sondern Ausdruck eines Zustands radikaler Heimat- und Beziehungslosigkeit. Alle sieben Jahre darf er an Land gehen, um eine Frau zu finden, die ihm durch ihre Treue Erlösung schenkt. Damit wird die Oper zu einem Drama über die Sehnsucht nach Aufhebung der Einsamkeit – und zugleich über die gefährliche Absolutheit, mit der Wagner diese Sehnsucht gestaltet.

Dass diese Dimension des Werkes in Erl derart unmittelbar greifbar wurde, lag ganz wesentlich an Christopher Maltman. Seine Interpretation des Holländers war nicht nur eine der herausragenden Leistungen des Abends, sondern darf ohne Übertreibung als Sternstunde bezeichnet werden. Maltman begegnete der Partie mit einer außerordentlichen Verbindung von vokaler Autorität und Perfektion, sprachlicher Präzision und darstellerischer Intensität. Vor allem aber gelang ihm etwas, das bei dieser Figur keineswegs selbstverständlich ist: Er machte den Holländer menschlich. Maltman reiht sich damit in die Riege großer Rollen-Vorgänger ein, wie beispielsweise Franz Grundheber und James Morris.

Maltman spielte den Holländer nicht als finsteren Mythos, nicht als bloß von Weltschmerz umflorten Romantiker und auch nicht als eindimensionalen Dämon. Sein Holländer war ein zutiefst verletzter, müder und zugleich von einer letzten Hoffnung beseelter Mensch. In jeder Geste, jeder vokalen Wendung schien die lange Dauer seiner Verdammnis mitzuschwingen. Seine Stimme besaß jene dunkle Autorität, die der Partie ihre elementare Gravität verleiht, doch unterhalb dieser imposanten Oberfläche blieb stets eine fragile, beinahe erschütternde Verletzlichkeit spürbar.

Gerade darin lag die außergewöhnliche Qualität dieser Interpretation: Maltman sang den Holländer nicht nur – er verkörperte seinen inneren Zustand. Seine Phrasierung machte die musikalischen Linien zu psychologischen Bewegungen. Wo die Partitur aufbraust, entstand kein bloßer Effekt, sondern die akustische Gestalt eines Menschen, der gegen seine eigene Existenz anzukämpfen scheint. In den ruhigeren Momenten wiederum konnte Maltman die Figur auf eine geradezu intime Weise öffnen. Das verlieh insbesondere den Begegnungen mit Senta eine Intensität, die weit über die romantische Liebesgeschichte hinauswies, wie beispielsweise im berühmten Duett „Wie aus der Ferne längst vergangener Zeiten“.

Hinzu kam eine außergewöhnlich klare Textbehandlung. Wagner verlangt vom Sänger des Holländers nicht nur ein erhebliches vokales Volumen und Durchhaltevermögen, sondern eine genaue Balance zwischen Deklamation und musikalischer Linie. Maltman beherrschte beides in Perfektion. Sein Gesang besaß Substanz und Tragfähigkeit, ohne jemals in bloße vokale Demonstration umzuschlagen. Jede Phrase schien aus der dramatischen Situation heraus entwickelt. Dadurch erhielt die Partie eine geradezu exemplarische Geschlossenheit.

Besonders überzeugend war auch das Verhältnis zwischen Maltmans Holländer und Senta. Denn Wagners Erlösungsidee ist von Beginn an ambivalent: Ist Senta tatsächlich diejenige, die den Holländer erlösen kann – oder wird sie vielmehr selbst Teil einer Projektion, die aus Sehnsucht und romantischer Überhöhung entsteht? Die Senta von Nina Bezu erhielt durch ihr darstellerisches Spiel eine starke Bühnenpräsenz. Ihre Fixierung auf die Gestalt des Holländers wurde glaubhaft und emotional nachvollziehbar, ohne dass die Figur in bloße Hysterie oder romantischen Überschwang kippte. Auch gesanglich hinterließ ihre Interpretation einen sehr zufriedenstellenden Eindruck und konnte die großen Anforderungen der Partie überzeugend bewältigen.

Mary – hervorragend interpretiert von Shannon Keegan – erwies sich als ausgesprochen präsent und darstellerisch markant. Auch in der reduzierten szenischen Konzeption gelang es ihr, der Figur Kontur und Eigenständigkeit zu geben. Gerade solche Leistungen sind für eine Wagner-Aufführung von Bedeutung, denn die Wirkung des „Holländers“ entsteht nicht allein aus den großen Zentralfiguren, sondern aus dem komplexen sozialen und emotionalen Gefüge, in dem sich ihre Sehnsüchte bewegen.

Über allem stand ein sehr gutes, souveränes Dirigat von Asher Fisch, das Wagners Partitur weder romantisch überzuckerte noch in schwergewichtiger Klangmasse erstarren ließ. Die orchestrale Sprache erhielt jene dramatische Spannung, die sie benötigt, ohne ihre Binnenstruktur einzubüßen. Wagners musikalischer Zugriff auf Natur und menschliche Psyche wurde differenziert herausgearbeitet: das unruhige Meer, die elementare Kraft des Sturms, die unheimliche Präsenz des Holländers, aber auch die lyrischen Räume von Sentas Sehnsucht. Besonders überzeugend war dabei die musikdramaturgische Architektur des Abends.

Am Ende blieb vor allem die Erinnerung an eine außergewöhnlich konzentrierte und intensive Aufführung des „Fliegenden Holländers“. Die Produktion bei den Tiroler Festspielen Erl überzeugte durch ihre szenische Klarheit, ihre Authentizität und ein musikalisches Niveau, das dem Werk gerecht wurde. Doch über allem stand Christopher Maltman: Sein Holländer besaß jene seltene Verbindung aus vokaler Souveränität, darstellerischer Wahrhaftigkeit und psychologischer Tiefe, durch die aus einer großen Partie eine große Interpretation wird. Bravo!

© Markus Guggenberger

Titelbild: http://www.tiroler-festspiele.at – Pressemappe (Christopher Maltman, Gábor Bretz) / Photo-©: TFE/Xiomara Bender – honorarfrei
Besetzungszettel liegt im Original vor.

Abb.1: http://www.tiroler-festspiele.at – Pressemappe (Chor, Nina Bezu) / Photo-©: TFE/Xiomara Bender – honorarfrei
Abb.2: http://www.tiroler-festspiele.at – Pressemappe (Matthew Newlin, Gábor Bretz, Christopher Maltman, Asher Fisch) / Photo-©: TFE/Xiomara Bender – honorarfrei
Abb.3: http://www.tiroler-festspiele.at – Pressemappe (Nina Bezu, Christopher Maltman) / Photo-©: TFE/Xiomara Bender – honorarfrei
Abb.4: http://www.tiroler-festspiele.at – Pressemappe (Christopher Maltman, Gábor Bretz) / Photo-©: TFE/Xiomara Bender – honorarfrei
Abb.5: http://www.tiroler-festspiele.at – Pressemappe (Chor, Nina Bezu, Shannon Keegan) / Photo-©: TFE/Xiomara Bender – honorarfrei
Abb.6: http://www.tiroler-festspiele.at – Pressemappe (Asher Fisch, Nina Bezu) / Photo-©: TFE/Xiomara Bender – honorarfrei


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