Nabucco – Staatsoper Berlin – 31.05.2026

Besprechung von Markus Guggenberger

Nabucco

Dramma lirico in vier Teilen

Musik von Giuseppe Verdi |
Libretto von Temistocle Solera |

Musikalische Leitung: Francesco Lanzillotta |
Inszenierung: Emma Dante |
Bühne: Carmine Maringola |
Kostüme: Vanessa Sannino |
Licht: Cristian Zucaro |
Choreographie: Manuela Lo Sicco |
Einstudierung des Chores: Dani Juris |

Nabucco: Ariunbaatar Ganbaatar |
Abigaille: Lidia Fridman |
Zaccaria: Tareq Nazmi |
Henry Morosus: Siyabonga Maqungo |
Fenena: Elena Maximova |
Ismaele: Andrés Moreno García |
Anna: Clara Nadeshdin |
Abdallo: Junho Hwang |
Hohepriester des Baal: Hanseong Yun |

Kaum ein Werk markiert den eigentlichen Beginn einer großen Opernkarriere so deutlich wie Giuseppe Verdis „Nabucco“. Als der 1813 im Herzogtum Parma geborene Komponist das Werk 1842 an der Mailänder Scala zur Uraufführung brachte, befand er sich in einer existenziellen Krise. Nach dem frühen Tod seiner Frau und seiner beiden Kinder sowie dem Misserfolg der komischen Oper „Un giorno di regno“ hatte Verdi zeitweise erwogen, das Komponieren aufzugeben. Erst die Arbeit an „Nabucco“ eröffnete ihm jenen Weg, der ihn zum bedeutendsten italienischen Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts machen sollte. Das Werk verbindet die Tradition des Belcanto mit einer neuen dramatischen Direktheit und jenem politisch aufgeladenen Pathos, das im Chor der Hebräer, „Va, pensiero“, bis heute als Chiffre nationaler und individueller Freiheitssehnsüchte nachwirkt.

Auch aus heutiger Perspektive fasziniert „Nabucco“ durch seine eigentümliche Doppelstruktur. Einerseits steht das Werk noch erkennbar in der Tradition der Nummernoper mit ihren Cabaletten, Ensembles und groß angelegten Finali. Andererseits deutet sich bereits jener musikdramatische Zugriff an, der Verdis mittlere und späte Meisterwerke prägen sollte. Die Aufführung von „Nabucco“ am 31. Mai 2026 an der Berliner Staatsoper machte diese historische Zwischenstellung eindrucksvoll hörbar – vor allem dank zweier herausragender Protagonisten.

Im Zentrum des Abends stand die Abigaille von Lidia Fridman, deren Leistung in jeder Hinsicht als außergewöhnlich bezeichnet werden muss. Die Partie gehört zu den gefürchtetsten des gesamten italienischen Repertoires: Sie verlangt gleichermaßen dramatische Durchschlagskraft, virtuose Beweglichkeit, ausgedehnte Höhenreserven und die Fähigkeit zu differenzierter Phrasierung. Fridman bewältigte diese Anforderungen mit bemerkenswerter Souveränität. Ihr Sopran verfügte über eine beeindruckende metallische Strahlkraft, ohne jemals in bloßes Forcieren abzugleiten. Besonders eindrucksvoll gelang ihr die Balance zwischen vokaler Attacke und psychologischer Ausgestaltung der Figur. Gerade in den großen Konfrontationsszenen entwickelte Fridman eine elektrisierende Bühnenpräsenz. Die Koloraturen erschienen nicht als bloße Zierde, sondern als Ausdruck innerer Zerrissenheit. Zugleich überzeugte sie in den lyrischeren Momenten durch eine klug geführte Legatokultur und eine bemerkenswerte dynamische Differenzierung. Ihre Abigaille war nicht nur die machtbesessene Gegenspielerin Nabuccos, sondern eine tragische Gestalt, deren Verletzlichkeit unter der Oberfläche permanent spürbar blieb.

Nicht minder beeindruckend präsentierte sich Ariunbaatar Ganbaatar in der Titelpartie des „Nabucco“. Sein Bariton besitzt jene seltene Mischung aus vokaler Autorität und klanglicher Noblesse, die für Verdis frühe Heldenfiguren unverzichtbar ist. Bereits in den ersten Auftritten überzeugte er mit sonorer Grundierung und einer außergewöhnlich tragfähigen Mittellage. Doch die eigentliche Größe seiner Interpretation zeigte sich in der Entwicklung der Figur.

Ganbaatar gelang es, den Weg vom selbstherrlichen Herrscher über den gebrochenen Wahnsinnigen bis hin zum geläuterten Vater und Herrscher mit beeindruckender Konsequenz nachzuzeichnen. Besonders die Szenen des Zusammenbruchs offenbarten eine bemerkenswerte Fähigkeit zur textbezogenen Deklamation. Sein Gesang verband Kraft und Flexibilität, dramatische Zuspitzung und kantable Linienführung. Dabei blieb der Klang stets fokussiert und kontrolliert. Die große Gebetsszene erhielt durch seine differenzierte Gestaltung eine emotionale Tiefe, die weit über bloßen Opernpathos hinausreichte.

Auch der Chor erwies sich als wesentlicher Träger des Abends. Gerade in „Nabucco“ kommt ihm eine dramaturgische Funktion zu, die beinahe der eines kollektiven Protagonisten entspricht. Die großen Chorszenen zeichneten sich durch Homogenität, Präzision und klangliche Geschlossenheit aus. „Va, pensiero“ entfaltete seine Wirkung nicht durch sentimentale Überhöhung, sondern durch eine wohldosierte Innigkeit, die den musikalischen Fluss nie zum Stillstand brachte.

Weniger überzeugend fiel hingegen das Dirigat von Francesco Lanzillotta aus. Zwar war die musikalische Leitung erkennbar darum bemüht, die komplexen Anforderungen von Bühne und Graben auszubalancieren, doch fehlte es der Interpretation über weite Strecken an jener rhythmischen Spannung und dramaturgischen Zuspitzung, die Verdis frühe Opern benötigen. Die Tempi wirkten gelegentlich vorsichtig gewählt, die Übergänge zwischen den einzelnen Nummern nicht immer organisch gestaltet. Zwar wurden die Sänger aufmerksam begleitet und niemals zugedeckt, doch blieb der orchestrale Klang vielfach eher korrekt als inspiriert.

Gerade dort, wo Verdi bereits auf seine späteren musikdramatischen Errungenschaften vorausweist, hätte man sich mehr Mut zu Kontrasten, mehr Schärfe in den rhythmischen Konturen und eine stärkere Herausarbeitung der instrumentalen Farben gewünscht. Das Orchester spielte solide und engagiert, erreichte jedoch nur selten jene elektrisierende Intensität, die die Partitur bereithält.

So wurde dieser „Nabucco“ vor allem zu einem Abend der Stimmen. Lidia Fridman und Ariunbaatar Ganbaatar demonstrierten auf eindrucksvolle Weise, welches vokale und darstellerische Potential in Verdis frühem Meisterwerk steckt. Ihre Leistungen verliehen der Aufführung jene künstlerische Fallhöhe, die das eher bemühte Dirigat nicht immer erreichen konnte. Am Ende blieb der Eindruck einer musikalisch respektablen, von zwei herausragenden Solisten jedoch weit über das Durchschnittliche hinausgehobenen Aufführung.

© Markus Guggenberger

Titelbild: http://www.staatsoper-berlin.de – Pressemappe (Anna Netrebko, Ensemble, Chor) / Photo-©: Bernd Uhlig – honorarfrei
Besetzungszettel liegt im Original vor.

Abb.1: http://www.staatsoper-berlin.de – Pressemappe (Anna Netrebko, Luca Salsi) / Photo-©: Bernd Uhlig – honorarfrei
Abb.2: http://www.staatsoper-berlin.de – Pressemappe (Ivan Magrì, Mika Kares, Marina Prudenskaya, Luca Salsi, Ensemble und Chor) / Photo-©: Bernd Uhlig – honorarfrei
Abb.3: http://www.staatsoper-berlin.de – Pressemappe (Chor) / Photo-©: Bernd Uhlig – honorarfrei
Abb.4: http://www.staatsoper-berlin.de – Pressemappe (Anna Netrebko, Ensemble und Chor) / Photo-©: Bernd Uhlig – honorarfrei


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