Elektra – NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg | 13.02.2026

Besprechung von Markus Guggenberger

Elektra

Tragödie in einem Aufzug | Halbszenische Aufführung

Musik von Richard Strauss |
Libretto von Hugo von Hofmannsthal |

Musikalische Leitung: Alan Gilbert |
Klytämnestra: Karita Mattila |
Elektra: Ingela Brimberg |
Chrysothemis: Christina Nilsson |
Aegisth: Benjamin Bruns |
Orest: Andreas Bauer Kanabas |
Der Pfleger des Orest: Fabian Kuhnen |
Die Vertraute: Alexandra Hebart |
Die Schleppträgerin: Chloe Lankshear |
Ein junger Diener: Liam Bonthrone |
Ein alter Diener: Andreas Heinemeyer |
Die Aufseherin: Layla Claire |
Erste Magd: Marie Henriette Reinhold |
Zweite Magd: Ida Aldrian |
Dritte Magd: Marie-Luise Dressen |
Vierte Magd: Olivia Boen |
Fünfte Magd: Chelsea Zurflüh |

Die halbszenische Aufführung von Richard Strauss‘ „Elektra“ in der Hamburger Elbphilharmonie offenbarte eindrücklich jene ästhetische Gratwanderung, die dieses Werk zwischen expressionistischer Klangexzentrik und musikdramatischer Präzision vollzieht. Es war ein Musiktheaterabend von erheblicher interpretatorischer Ernsthaftigkeit – zugleich aber einer, der die strukturellen Herausforderungen dieser komplexen Partitur schonungslos offenlegte.

Strauss’ Orchesterapparat – mit seiner hypertrophen Besetzung, der radikalen Chromatik und der permanenten motivischen Verdichtung – verlangt eine hochdifferenzierte klangliche Balance. Das Dirigat von Alan Gilbert arbeitete die motivischen Keimzellen klar heraus: Das Agamemnon-Motiv erschien in seiner absteigenden Intervallstruktur scharf konturiert, die dissonanten Akkumulationen der Blechbläser entfalteten eine schneidende Expressivität, während die Streicherflächen in den ruhigeren Passagen eine beinahe irisierende Transparenz gewannen. Gleichwohl geriet die dynamische Abstufung nicht durchweg sängerfreundlich. In den orchestralen Kulminationspunkten – insbesondere in den ekstatischen Verdichtungen vor dem Schluss – gewann der sinfonische Impuls ein Eigengewicht, das die vokale Linie teilweise überlagerte. Hier zeigte sich ein klassisches Problem dieser Partitur: Die Musik tendiert zur klanglichen Autonomie, während das Musikdrama zugleich textgebundene Deklamation verlangt.

Ingela Brimberg als Elektra war weniger eine vokale Naturgewalt als eine differenziert gestaltende Musikerin. Ihr Sopran zeichnete sich durch ein kultiviertes, in der Mittellage warm grundiertes Timbre aus; die Phrasierung folgte der deklamatorischen Struktur der Partitur mit bemerkenswerter Genauigkeit. Besonders in den dialogischen Passagen – etwa im Erkennungsmoment mit Orest – gelang eine subtile dynamische Rücknahme, die den psychologischen Kern der Figur freilegte. Problematisch erwies sich indes die Bewältigung der extremen Tessitura. Strauss’ Anlage der Partie verlangt nicht nur Höhe, sondern vor allem klangliche Durchdringungskraft in exponierten Lagen, häufig über massiv instrumentierten Klangflächen. Hier blieb das Volumen über weite Strecken hinweg begrenzt. Die Spitzentöne waren sauber intoniert und klanglich kontrolliert, doch fehlte ihnen jene metallische und breite Kernsubstanz, die sich im orchestralen Fortissimo behauptet. So entstand ein interpretatorisch schlüssiges, aber nicht vollständig überzeugendes Rollenporträt: eine Elektra, deren psychologische Differenziertheit bestach, deren vokale Projektion jedoch an physische Grenzen stieß. Der Furor der Figur wurde mehr angedeutet als klanglich realisiert.

Sängerlegende Karita Mattila hingegen setzten als Klytämnestra deutlich auf expressive Verdichtung. Ihr Mezzosopran besaß ein dunkles Fundament und eine markante Textartikulation. In der großen Szene entwickelte sie eine intensive Deklamationskultur, die die nervöse Zerrissenheit der Figur plastisch modellierte. Allerdings neigte die Interpretation dazu, jede semantische Nuance musikalisch zu akzentuieren. Die Phrasen wurden mitunter „überartikuliert“, dynamische Kontraste stark zugespitzt, was den musikalischen Fluss partiell hemmte. Strauss’ Linie, die trotz aller Dissonanz strukturell präzise gebaut ist, geriet so gelegentlich in den Hintergrund zugunsten eines stark psychologisierenden Gestus. Das Resultat war eindrucksvoll, aber nicht immer strukturell stringent: Ausdruck dominierte Form.

Die Chrysothemis von Christina Nilsson überzeugte mit leuchtendem, gut fokussiertem Sopran. Die Höhen saßen frei und sicher, die großen Aufschwünge hatten Strahlkraft. Ihre Interpretation entwickelte echten dramatischen Impuls und vermochte zu berühren. Interessanterweise verschob sich dadurch das vokale Kräfteverhältnis: Chrysothemis wirkte in den großen Momenten expansiver als die Titelheldin selbst.

Der eigentliche Star des Abends jedoch war Andreas Bauer Kanabas als Orest. Mit sonorem, schwarz grundiertem Bassbariton entfaltete er eine klangliche Tiefendimension, die dem gesamten zweiten Teil des Werkes ein neues Gravitationszentrum verlieh. Sein Timbre besaß jene orgelnde, in der Tiefe resonierende Qualität, die Strauss’ weitgespannte Phrasen mit innerer Ruhe und Autorität erfüllte. Anders als bei manch dramatisch forciertem Orest setzte Bauer Kanabas auf konzentrierte Klangführung und souveräne Atemökonomie. Die Stimme strömte gleichsam aus dem Körperzentrum, ohne Druck, aber mit enormer Präsenz. Gerade im Wiedererkennungsmoment mit Elektra wurde deutlich, wie sehr Strauss hier auf klangliche Erdung setzt: Orests Linien verlaufen vergleichsweise ruhig, syllabisch gebunden, beinahe archaisch gefasst. Bauer Kanabas modellierte diese Passagen mit nobler Zurückhaltung und zugleich unerschütterlicher vokaler Autorität. Sein Klang schuf einen Ruhepol im expressionistischen Nervengeflecht der Partitur. Auch in den kurzen, dramatisch zugespitzten Ausbrüchen blieb die Stimme fokussiert und kernig. Keine forcierte Schwärzung, kein künstlicher Effekt – vielmehr eine organisch gewachsene Klangfülle, die dem Charakter Würde und innere Größe verlieh.

In Summe war diese „Elektra“ musikalisch solide gearbeitet und in Teilen durchaus eindrucksvoll, wenn auch im Tempo zum Teil extrem schleppend. In Erinnerung bleibt ein Konzertabend, der respektable Leistungen bot und Strauss’ Partitur ernst nahm – aber nicht jene kompromisslose vokale Urgewalt entfaltete, die dieses Werk im Idealfall zur existenziellen Grenzerfahrung werden lässt.

© Markus Guggenberger

Titelbild: https://www.ndr.de/orchester_chor/elbphilharmonieorchester– Pressemappe (Ensemble, Orchester) / Photo-©: NDR I Thies Rätzke – honorarfrei
Besetzungszettel liegt im Original vor.

Abb.1: https://www.ndr.de/orchester_chor/elbphilharmonieorchester– Pressemappe (Ensemble, Orchester) / Photo-©: NDR I Thies Rätzke – honorarfrei
Abb.2: https://www.ndr.de/orchester_chor/elbphilharmonieorchester– Pressemappe (Karita Mattila) / Photo-©: NDR I Thies Rätzke – honorarfrei
Abb.3: https://www.ndr.de/orchester_chor/elbphilharmonieorchester– Pressemappe (Christina Nilsson) / Photo-©: NDR I Thies Rätzke – honorarfrei
Abb.4: https://www.ndr.de/orchester_chor/elbphilharmonieorchester– Pressemappe (Andreas Bauer Kanabas) / Photo-©: NDR I Thies Rätzke – honorarfrei


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