Besprechung von Markus Guggenberger
LA SONNAMBULA
Melodramma in zwei Akten
Musik von Vincenzo Bellini
Libretto von Felice Romani nach Eugène Scribes Vorlage für die Ballett-Pantomime „La somnambule ou L’arrivée d’un nouveau seigneur“ von Jean-Pierre Aumer
Musikalische Leitung: Giacomo Sagripanti
Orchester: Orchester der Tiroler Festspiele Erl
Chor: Chor der Tiroler Festspiele Erl
Amina: Jessica Pratt
Elvino: Levy Sekgapane
Conte Rodolfo: Adolfo Corrado
Lisa: Sarah Dufresne
Teresa: Valentina Pernozzoli
Alessio: Paweł Horodyski
Un notaro: Vasili Lipski
Die konzertante Aufführung von Vincenzo Bellinis „La Sonnambula“ im Rahmen der Tiroler Winterfestspiele Erl 2025 stellte eine in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Annäherung an ein Schlüsselwerk des italienischen Belcanto dar. In einer Zeit, in der Bellinis Opern häufig zwischen historisierender Reproduktion und modernisierender Überformung oszillieren, gelang an diesem Abend eine Interpretation, die sich gleichermaßen der kompositorischen Substanz wie den Anforderungen zeitgenössischer Aufführungspraxis verpflichtet zeigte.
„La Sonnambula“ entstand 1831 in einer Schaffensphase, in der Bellini seine ästhetischen Ideale bereits klar formuliert hatte. Seine Opern dieser Zeit zeichnen sich durch eine konsequente Reduktion dramatischer Mittel zugunsten einer melodischen Kontinuität aus, die weniger auf motivischer Entwicklung als auf klanglicher Ausdehnung basiert. Bellinis Kompositionsweise ist dabei von einer bewussten Askese geprägt: Harmonische Fortschreitungen sind klar, häufig diatonisch fundiert, und modulieren nicht aus dramatischer Notwendigkeit, sondern aus emotionaler Logik. Diese Haltung spiegelt sich in „La Sonnambula“ besonders deutlich wider. Die Oper verzichtet weitgehend auf konfliktbeladene Zuspitzungen und entfaltet stattdessen eine musikalische Dramaturgie, die psychologische Zustände in einem kontinuierlichen Fluss beschreibt. Das Motiv des Nachtwandelns fungiert dabei weniger als spektakuläres Handlungselement denn als poetische Metapher für Unschuld, Verletzlichkeit und gesellschaftliche Projektionen. Bellinis Musik übersetzt diese Aspekte in lange, spannungsarme Bögen, deren Wirkung sich nur dann entfaltet, wenn sie mit äußerster klanglicher Disziplin interpretiert werden.
Das Dirigat von Giacomo Sagripanti erwies sich als zentraler Faktor für das Gelingen des Abends. Anstelle eines dramatisch akzentuierten Zugriffs wurde eine kontrollierte, atmende Lesart gewählt, die sich eng an der vokalen Struktur der Partitur orientierte. Die Tempi waren überwiegend moderat, jedoch nie statisch; vielmehr ergaben sich feine Agogiken aus der Gesangslinie selbst, wodurch sich eine organische Verbindung zwischen Orchester und Solisten entwickelte. Die Orchesterbehandlung Sagripantis folgte einem schlanken Klangideal, das Bellinis funktionale Instrumentation ernst nahm. Streicher dominierten das Klangbild mit weicher, gleichmäßig geführter Artikulation, während Holzbläser gezielt als koloristische Erweiterung der Gesangslinien eingesetzt wurden. Dynamische Extreme wurden bewusst vermieden; stattdessen entstand eine differenzierte Abstufung innerhalb eines insgesamt transparenten Klangraums. Diese Zurückhaltung erwies sich als ästhetisch fruchtbar, da sie den Fokus konsequent auf die vokale Artikulation lenkte.
© Markus Guggenberger
Titelbild: https://www.tiroler-festspiele.at/ – Pressemappe (Jessica Pratt, Giacomo Sagripanti) / Photo-©: scheffold.media – honorarfrei
Besetzungszettel liegt im Original vor.

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